Stillen und Großeltern

"Also wir haben das früher ganz anders gemacht und aus dir ist auch was geworden"

Schon immer haben Eltern ihre Kinder geliebt und wollten nur das Allerbeste für sie. Dabei haben sie sich an die, in der jeweiligen Zeit aktuellen, Empfehlungen gehalten. 

Was passiert aber, wenn sich ein Enkelkind ankündigt und die Eltern erleben, wie aus ihren Kindern selbst Eltern werden? Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Generationen, mit unterschiedlichen Erfahrungen und Vorstellungen, kann durchaus zu Konflikten führen. Gerade Stillen und Ernährung des Babys ist ein großes Thema und führt immer wieder zu Diskussionen. 

Deine Stillberaterin

Elke Bothe ist geprüfte Still- und Laktationsberaterin IBCLC und berät dich individuell rund um das Thema Stillen, ganz bequem bei dir Zuhause.

Von kleinen Tyrannen und schädlicher Muttermilch 

Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, finden wir in Fachbüchern um 1900 zum Teil schon Informationen und Empfehlungen zu Stillen und Muttermilch, die den heutigen sehr ähnlich sind. Allerdings wusste man zu dieser Zeit noch nicht viel von kindlichen Bedürfnissen. Man ging davon aus, dass Kinder „kleine Erwachsene“ sind, die von Anfang an geformt werden müssen und klare Strukturen brauchen, um im späteren Leben bestehen zu können.  

In den Zeiten der Nationalsozialisten wurde das Stillen und das „Muttersein“ hoch gelobt und die Wichtigkeit der Muttermilch hervorgehoben. Wenn die jungen Mütter sich jedoch an die Erziehungsratgeber hielten, durften sie ihre Kinder auf gar keinen Fall verwöhnen, herumtragen, auf das Weinen reagieren und nur zu festgelegten Zeiten stillen.  So manche Mutter hat, entgegen der Empfehlungen, auf ihr Bauchgefühl gehört und heimlich anders gehandelt. 

Im Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer (1937) findet man Sätze wie: „Das Kind bekommt zu jeder Mahlzeit nur eine Brust“„Das Kind soll nie länger als 20 Minuten trinken“„Zwischen den Mahlzeiten müssen unter allen Umständen regelmäßige und ausreichende Pausen eingehalten werden…..3, wenn möglich 4 Stunden“„Wir geben auf keinen Fall die Mahlzeit früher, sonst lernt das Kind sehr rasch, dies durch Schreien immer wieder zu erzwingen…“  

Dieses Buch wurde nach dem Zweiten Weltkrieg überarbeitet und unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ bis in die späten 80er-Jahre in den Buchläden verkauft. Und auch in dieser Fassung sind die oben genannten Informationen noch zu lesen. 

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die eine oder andere Aussage weiterhin zu hören und die Angst vor den „kleinen Tyrannen“ bis heute immer noch nicht ganz verschwunden ist. 

In den 60er- und 70er-Jahren wurde kaum gestillt. Den Müttern wurde signalisiert, dass Muttermilch viele Schadstoffe beinhalte und dass es für Ihre Kinder besser sei, wenn sie künstliche Nahrung erhalten würden.  

Auch in den 80er-Jahren war die Stillrate sehr niedrig. In den Kliniken gab es fast überall noch die sogenannten Kinderzimmer. Hier wurden die Babys von Kinderkrankenschwestern betreut und erst zu ihren Müttern gebracht, wenn sie geweint haben. Oft wurden sie dann vorher sogar noch gewickelt und waren meist völlig aufgelöst, wenn sie bei ihren Mamas ankamen. Ein Stillen nach Bedarf und ein adäquater Aufbau der Milchmenge war so nicht möglich. 

Seit Anfang der 90er, mit der Gründung von weltweiten Initiativen, neuen WHO-Empfehlungen und aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, erlebt das Stillen und die Muttermilch wieder einen Aufschwung. Bonding, Stillen nach Bedarf und kindliche Bedürfnisse sind bekannte Begriffe geworden. Das Stillen wird unterstützt und gefördert. 

Aus Kindern werden Eltern 

Wenn sich ein Baby ankündigt, ist das eine aufregende und spannende Zeit.  Alles was vorher war, wird herumgewirbelt und verändert.  

Da es heutzutage unglaublich viele Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, ist es für die jungen Eltern oft nicht einfach, herauszufinden, was denn jetzt eigentlich empfohlen wird und was “richtig” ist. Wir leben in einer Zeit, in der alles planbar, vorhersehbar und sicher sein soll. Alles muss, aus Sicht der Gesellschaft, funktionieren, auch die Babys. Es gibt Bücher, Kurse, soziale Medien und Netzwerke. Dazu kommen noch die Familie, Freunde und Bekannte. Selbst völlig unbekannte Menschen sprechen die Mütter und Väter auf der Straße oder beim Einkaufen an und wollen sich mit einem kleinen Tipp oder einer Frage ins Familienleben einbringen. Die Eltern spüren und wissen, was ihr Kind braucht, sind aber manchmal verunsichert, da sie nichts falsch machen wollen. 

Auch zum Thema Stillen findet man sehr unterschiedliche Informationen. Daher brauchen die jungen Eltern, und hier vor allem die Mütter, viel Selbstvertrauen, um sicher auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. Erschwerend kommt noch dazu, dass die Babys die Bücher und Ratgeber nicht lesen, bevor sie auf die Welt kommen. Sie sind instinkt- und bedürfnisgesteuerte kleine Wesen. Gerade gestillte Babys trinken meist nicht zu festgelegten Zeiten, sondern sehr individuell.  

Kinder werden Eltern und übernehmen eine ganz neue Rolle. Sie haben eigene Vorstellungen vom Umgang mit ihrem Kind und vom Leben als Familie. Diese Vorstellungen können den Erlebnissen ihrer eigenen Kindheit ähneln oder sich klar davon unterscheiden.  

Aus Eltern werden Großeltern 

Auch die Großeltern bekommen eine neue Rolle. Das Erlebnis, dass das eigene Kind Mutter oder Vater wird, ist ein unglaublich großer Schritt. Sie sind nicht mehr verantwortlich und sollten eher eine unterstützende und helfende Funktion einnehmen. Dafür braucht es das Vertrauen in die eigenen Kinder, dass diese ihren individuellen, für sie richtigen, Weg finden und gehen. Manchmal fällt das den Großeltern nicht so leicht, da ihre Kinder auch ihre Kinder bleiben. 

Natürlich ist Erfahrung etwas Wunderbares und schon immer wurde Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Allerdings ist es dabei wichtig, die Entwicklung und den Fortschritt im Auge zu behalten. Dinge verändern sich. Aufgrund von Forschung und neuen Erkenntnissen wird immer wieder Neues hinzukommen, bereits Bekanntes verbessert und manches wird auch bestätigt. 

Bindung und Bedürfnisse 

Für Großeltern ist es manchmal schwer, zu beobachten, wenn das Enkelkind nach Bedarf gestillt, getragen und auf dessen Bedürfnisse eingegangen wird. Vor allem dann, wenn sie es mit dem eigenen Kind nicht gemacht haben. Ihnen wurde damals genau das Gegenteil gesagt: Man muss die Kinder früh zur Selbstständigkeit erziehen. Kinder brauchen feste Zeiten. Man darf sie nicht verwöhnen und muss sich durchsetzen, damit sie lernen, wer die Autorität hat.  

Großeltern wollen ihren erwachsenen Kindern helfen und sie unterstützen. Sie legen dabei ihre eigenen Erfahrungen und erlernten Werte zugrunde. Das kann sich allerdings manchmal auch als Bevormundung anfühlen und Druck ausüben. Vor allem dann, wenn das Wissen überholt ist. 

Junge Eltern wollen keine Bevormundung und keine Vorschriften. Sie sind gut informiert und wünschen sich von den Großeltern Interesse, Verständnis und ggf. Unterstützung zum Beispiel in Form von ganz konkreten Hilfsangeboten, wie kochen oder bügeln.  

Natürlich müssen sie erst in ihre Rolle als Eltern hineinwachsen. Hierbei brauchen sie Zeit und das Vertrauen in ihre eigenen Kompetenzen. Was sie nicht brauchen, sind Ratschläge, auch wenn sie gut gemeint sind. Denn Ratschläge sind wörtlich gesehen auch “Schläge” und leider oft veraltet.  

Großeltern, die sich als Eltern gegen die damals gängigen Empfehlungen gestellt haben, können ihre Kinder stärken und unterstützen. Sie haben selbst als Eltern auf ihr Bauchgefühl geachtet. Ihre Erfahrung, dass zum Beispiel ein Baby, auch wenn es nach Bedarf gestillt wird, im Erwachsenenalter nicht “immer noch an der Brust hängt” hilft ihnen dabei.  

 

Wissenswertes rund ums Stillen Stillen nach Bedarf oder nach Zeitplan?

  • Stillen nach Bedarf wird empfohlen 
  • Nutritives und Non-Nutritives Saugen unterstützen die Stillbeziehung 
  • In der Regel stillen Kinder 8-12 Mahlzeiten in 24 Stunden 
  • Entwicklungs- und Wachstumsschübe bewirken oft eine Zunahme der Stillmahlzeiten und sind normal 
  • Milchbildung funktioniert über Angebot und Nachfrage 
  • Ein „zu viel stillen“ gibt es nicht, wenn es Mutter und Kind gut geht 
  • Der Schnuller ist Ersatz für die Brust und nicht umgekehrt  

 

Eltern lieben ihre Kinder 

Die Großeltern von heute haben vielleicht manches mit ihren Kindern nicht so gemacht, wie es sich deren Kinder als Eltern vorstellen. Sie hatten eine andere Beziehung zu ihren Kindern.  

Sie durften als Mutter und Vater oft nicht die Nähe und Geborgenheit so erleben, wie es die Eltern von heute dürfen. Das kann schmerzen und auch zu einem schlechten Gewissen führen. 

Eins ist jedoch sicher: Eltern haben ihre Kinder schon immer geliebt und wollten nur das Beste. Sie wollten nichts falsch machen. Daher haben sie sich an die Empfehlungen von Fachleuten gehalten und nach dem Wissen der jeweiligen Zeit gehandelt. 

Und auch heute wollen die Großeltern nur das Beste für ihre Kinder und Enkelkinder.   

Vielleicht sind ein paar generationsübergreifende Gespräche mit viel Wertschätzung, Verständnis und Empathie nötig. Daraus kann ein bereicherndes Miteinander werden, in dem jeder seinen eigenen Platz findet, an dem er sich wohlfühlt.  

Irgendwann ist dann die Zeit der sehr engen Mutter-Kind-Phase / Vater-Kind-Phase vorbei und die Enkelkinder sind bereit, sich mehr und mehr zu lösen. Wenn die Großeltern bis dahin auf die Bedürfnisse der Kinder und deren Eltern, also ihrer eigenen Kinder, eingegangen sind und diese angenommen haben, werden sie immer mehr an der Betreuung ihrer Enkelkinder teilhaben dürfen. Der Kreis zu einer wundervollen Großeltern-Enkel-Beziehung wird sich von ganz allein schließen. 

 

 

   

 

Jeder Mensch ist einzigartig

Stillen stellt eine wunderbare Möglichkeit dar, die Entwicklung des Babys zu unterstützen und schafft ein stabiles Fundament für die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Doch auch Mütter, die nicht stillen, können ihr Kind bedürfnisorientiert ernähren und so eine wundervolle Mutter-Kind-Bindung aufbauen.

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